Wednesday, August 26, 2020

New essay by Habermas on the German unification process - a second chance

New essay by Jürgen Habermas in "Blätter für deutsche und internationale Politik" 9/2020:

30 Jahre danach: Die zweite Chance.
Merkels europapolitische Kehrtwende und der innerdeutsche Vereinigungsprozess

Excerpts

Dreißig Jahre nach der weltgeschichtlichen Zäsur von 1989/90 könnten die schicksalhaft hereinbrechenden Ereignisse erneut eine Zäsur bilden. Das wird sich in den kommenden Monaten entscheiden – in Brüssel, aber nicht zuletzt auch in Berlin.
Auf den ersten Blick scheint es etwas weit hergeholt, die Überwindung der bipolaren Weltordnung und die globale Ausbreitung des siegreichen Kapitalismus mit dem entwaffnenden Naturschicksal einer anhaltenden Pandemie und einer dadurch ausgelösten weltwirtschaftlichen Krise von einstweilen unbekanntem Ausmaß zu vergleichen. Aber wenn wir Europäer auf diesen Schock tatsächlich eine konstruktive Antwort fänden, würde sich in einer Hinsicht eine Parallele zwischen den beiden Zäsuren anbieten. Damals waren die innerdeutsche und die europäische Einigung wie durch kommunizierende Röhren miteinander verbunden. Heute ist ein Zusammenhang beider Prozesse, der damals auf der Hand lag, zwar nicht derart offensichtlich, doch mit Blick auf den bevorstehenden, wenn auch während der drei zurückliegenden Jahrzehnte eigentümlich blass gebliebenen, Nationalfeiertag liegt folgende Vermutung nahe: Die Unwuchten des innerdeutschen Einigungsprozesses sind gewiss nicht die Ursache für die überraschende Wiederbelebung des europäischen Einigungsprozesses, aber der historische Abstand, den wir heute von diesen inneren Problemen gewinnen, hat dazu beigetragen, dass die deutsche Bundesregierung sich endlich wieder der liegengebliebenen historischen Aufgabe der politischen Gestaltung der europäischen Zukunft zuwendet.
Diesen Abstand verdanken wir nicht nur dem Druck der weltweiten Turbulenzen infolge der Coronakrise; auch innenpolitisch haben sich die Relevanzen entscheidend verändert – und zwar vor allem durch die Verschiebung der parteipolitischen Machtbalance infolge des Aufstiegs der AfD. Gerade dadurch erhalten wir dreißig Jahre nach der Zeitenwende eine zweite Chance, die deutsche und die europäische Einheit gemeinsam zu befördern. (.....)

....warum rufen Merkel und Schäuble heute zu dem Mut auf, der ihnen angeblich vor zehn Jahren gefehlt hat? (....) Was sich innenpolitisch in jüngster Zeit geändert hat – und dafür hatte Merkel schon immer eine Spürnase –, ist der Umstand, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik rechts von der Union eine erfolgreiche Partei etablieren konnte, die die Europakritik mit einem bisher unbekannt radikalen, nicht länger verstohlenen, sondern nackt auftretenden, ethnozentrisch gefärbten Nationalismus verbindet. Bis dahin hatte die CDU-Führung stets dafür gesorgt, dass sich der deutsche Wirtschaftsnationalismus in eine europafreundliche Rhetorik einkleiden ließ. Doch mit der Verschiebung der parteipolitischen Machtbalance hat gleichzeitig ein Protestpotential seine Sprache gefunden, das sich im innerdeutschen Einigungsprozess lange aufgestaut hatte. (.....)

Denn in der Bundesrepublik finden, wie gezeigt, zwei komplementäre Entwicklungen statt: In Ost und West sind die reziproke Empfindlichkeit und das Verständnis für die nicht selbst gewählten historischen Unterschiede in der Prägung der politischen Mentalitäten gewachsen. Gleichzeitig ist die politische Bedeutung einer nun auch von der politischen Mitte nicht nur ernst genommenen, sondern angenommenen Auseinandersetzung deutlich geworden: Die AfD schürt einen Konflikt, der sich zwar an den asymmetrischen Folgelasten der innerdeutschen Einigung entzündet hat, den sie nun aber spiegelbildlich zu ihrer Ablehnung der europäischen Einigung in einer nationalistischen und rassistischen Sprache neu inszeniert. Dieser ins Völkische verschobene Konflikt hat heute, weil er nicht mehr entlang der geographischen Grenzen historischer Schicksale, sondern entlang von Parteipräferenzen verläuft, einen gesamtdeutschen Charakter angenommen. Je klarer sich die gesamtdeutschen Konturen dieses Konflikts ausprägen, umso mehr befördert die nun endlich in ganz Deutschland betriebene politische Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus den ohnehin gewachsenen historischen Abstand von den Versäumnissen des Vereinigungsprozesses. Und damit ebenso das Bewusstsein, dass zunehmend andere Probleme in den Vordergrund rücken, die wir angesichts einer autoritärer und unfriedlicher gewordenen Welt sowohl innerhalb Deutschlands als auch in Europa nur gemeinsam lösen können.
Diese innenpolitische Verschiebung der Relevanzen können wir als Chance verstehen, den Prozess der deutschen Einigung zu vollenden, indem wir unsere nationalen Kräfte für den entscheidenden Integrationsschritt in Europa bündeln. Denn ohne europäische Einigung werden wir weder die einstweilen unabsehbaren ökonomischen Folgen der Pandemie noch den Rechtspopulismus bei uns und in den anderen Mitgliedstaaten der Union bewältigen.

Update:


Comments:

* Jens Bisky - "Eine Kehrtwende in Europa", Süddeutsche Zeitung, September 1, 2020

* Patrick Bahners - "Tadelnde Anerkennung", Frankfurter Allgemeine Zeitung, September 3, 2020.

* Björn Schumacher - "„Herr der Großdebatten“ erneut im Rampenlicht", Junge Freiheit, September 8, 2020.

* Martin Debes - "Habermas und der "Schock von Erfurt"", Thüringer Allgemeine, September 8, 2020)

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Saturday, August 22, 2020

Neues Buch: Die Armut unserer Freiheit


Die Armut unserer Freiheit. Aufsätze 2012-2019

von Axel Honneth

(Suhrkamp Verlag, 2020)

350 Seiten




Kurzbeschreibung

In seinem neuen Buch zeigt Axel Honneth, was es aus der philosophischen Tradition über einen vernünftigen Begriff der Freiheit noch zu lernen gibt, was sich heute der Realisierung einer solchen Freiheit in den Weg stellt und woher schließlich die Anregungen für eine weitere Verwirklichung von Freiheit stammen können. In einem ersten Schritt unternimmt er eine zwischen Hegel und Marx vermittelnde Begriffsklärung, während sich der zweite Teil sozialen Problemfeldern zuwendet, in denen die gegenwärtigen Hindernisse einer Realisierung von Freiheit besonders deutlich ins Auge fallen. Abschließend wird der Versuch unternommen, Triebkräfte zu bestimmen, die dem Kampf für die Freiheit heute neuen Aufschwung verleihen könnten.

Inhalt [PDF]

Vorwort: Die Armut unserer Freiheit [Vorschau]

I. Spielarten sozialer Freiheit

1. Untiefen der Anerkennung. Das sozialphilosophische Erbe Jean-Jacques Rousseaus [Zusammenfassung]

2. Von der Armut unserer Freiheit. Größe und Grenzen der Hegelschen Sittlichkeitslehre

3. Die Normativität der Sittlichkeit. Hegels Lehre als Alternative zur Ethik Kants [Zusammenfassung]

4. Hegel und Marx. Eine Neubewertung nach 100 Jahren [Video]

5.Wirtschaft oder Gesellschaft? Größe und Grenzen der Marxschen Theorie des Kapitalismus [Zusammenfassung]

6. Drei, nicht zwei Begriffe der Freiheit. Zur Reaktualisierung einer verschütteten Tradition [Vorschau]

II. Deformationen sozialer Freiheit

7. Die Krankheiten der Gesellschaft. Annäherungen an einen nahezu unmöglichen Begriff [Zusammenfassung]

8. Erziehung und demokratische Öffentlichkeit. Ein vernachlässigtes Kapitel der politischen Philosophie [Video]

9. Demokratie und soziale Arbeitsteilung. Noch ein vernachlässigtes Kapitel der politischen Philosophie [Video]

10. Kindheit. Unstimmigkeiten unserer liberalen Vorstellungswelt

III. Quellen sozialer Freiheit

11. Denaturierungen der Lebenswelt. Vom dreifachen Nutzen der Geisteswissenschaften

12. Gibt es ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse? Versuch der Beantwortung einer Schlüsselfrage kritischer Theorie [Zusammenfassung]

13. Eine Geschichte moralischer Selbstkorrekturen. Auf den Spuren europäischer Solidarität

Friday, August 14, 2020

New Book: Unpublished papers by Richard Rorty


On Philosophy and Philosophers
Unpublished Papers, 1960–2000

by Richard Rorty

Edited by W. P. Małecki & Chris Voparil

(Cambridge University Press, 2020)

250 pages

Description

"On Philosophy and Philosophers" is a volume of unpublished philosophical papers by Richard Rorty, a central figure in late-twentieth-century intellectual debates and a primary force behind the resurgence of American pragmatism. The first collection of new work to appear since his death in 2007, these previously unseen papers advance novel views on metaphysics, ethics, epistemology, philosophical semantics and the social role of philosophy, critically engaging canonical and contemporary figures from Plato and Kant to Kripke and Brandom. This book's diverse offerings, which include technical essays written for specialists and popular lectures, refine our understanding of Rorty's perspective and demonstrate the ongoing relevance of the iconoclastic American philosopher's ground-breaking thought.

Contents [PDF]

Introduction. Rorty as a Critical Philosopher [PDF] - Wojciech Małecki & Christopher Voparil

Part I. Early Papers

1. Philosophy as Ethics
2. Philosophy as Spectatorship and Participation
3. Kant as a Critical Philosopher
4. The Paradox of Definitism
5. Reductionism
6. Phenomenology, Linguistic Analysis, and Cartesianism: Comments on Ricoeur
7. The Incommunicability of 'Felt Qualities'
8. Kripke on Mind-Body Identity

Part II. Later Papers

9. Philosophy as Epistemology: Reply to Hacking and Kim
10. Naturalized Epistemology and Norms: Replies to Goldman and Fodor
11. The Objectivity of Values
12. What is Dead in Plato
13. The Current State of Philosophy in the U.S.
14. Brandom's Conversationalism: Davidson and Making It Explicit
15. Bald Naturalism and McDowell's Hylomorphism
16. Reductionist vs. Neo-Wittgensteinian Semantics
17. Remarks on Nishida and Nishitani.

See also the Richard Rorty Collection at the UCI Libraries, University of California, Irvine [PDF file here].
  

Tuesday, August 11, 2020

New Book: John Rawls - Debating the Major Questions


John Rawls. Debating the Major Questions

Ed. by Jon Mandle & Sarah Roberts-Cady

(Oxford University Press, 2020)

398 pages





Description

This collection of original essays explores major areas of debate inspired by the political philosophy of John Rawls. The volume is divided into ten parts, exploring ten distinct questions. For each question, there is an introductory essay, providing an overview of the relevant arguments from Rawls’s work and the historical contours of the debate that ensued. Each introductory essay is followed by two essays written by scholars who take opposing positions, moving the discussion forward in a fruitful way.

Contents [Preview]

An Introduction to Rawls on Justice - Jon Mandle & Sarah Roberts-Cady [Preview]

Part I: Public Reason

Introduction

1. Public Political Reason: Still Not Wide Enough - David Reidy [Abstract] [the original 2000 essay]

2. Just Wide Enough: Reidy on Public Reason [Draft] - James Boettcher [Abstract]

Part II: Ideal and Nonideal Theory

Introduction

3. The "Focusing Illusion" of Rawlsian Ideal Theory - Colin Farrelly [Abstract]

4- The Value of Ideal Theory - Matthew Adams [Abstract]

Part III: The Libertarian Critique

Introduction

5. Rawls's Underestimation of the Importance of Economic Agency and Economic Rights [PDF] - Jeppe Von Platz [Abstract]

6. Rawls on Economic Liberty and the Choice of "Systems of Social Co-Operation" - Alan Thomas [Abstract]

Part IV: Luck Egalitarianism

Introduction

7. Rawls and Luck Egalitarianism - Kasper Lippert-Rasmussen [Abstract]

8. The Point of Justice: On the Paradigmatic Incompatibility between Rawlsian "Justice as Fairness" and Luck Egalitarianism - Rainer Forst [Abstract]

Part V: The Capability Critique

Introduction

9. Sen's Capability Critique - Chris Lowry  [Abstract]

10. Spectres of Democracy: Detouring the Limitations of Rawls and the Capabilities Approach -Tony Fitzpatrick [Abstract]

Part VI: The Dependency Critique

Introduction

11. The Dependency Critique of Rawlsian Equality - Eva Kittay [Abstract]

12. A Feminist Liberal Response to the Dependency Critique - Amy Baehr [Abstract]

Part VII: Rawls and Feminism

Introduction

13. The Indeterminacy of Rawls's Principles for Gender Justice - M. Victoria Costa [Abstract]

14. A Feminist Defense of Political Liberalism - Christie Hartley & Lori Watson [Abstract]

Part VIII: Rawls and Nonhuman Animals

Introduction

15. Extending Rawlsian Justice to Nonhuman Animals - Sarah Roberts-Cady  [Abstract]

16. Rawls and Animals: A Defense - Patrick Taylor Smith [Abstract]

Part IX: International Economic Justice

Introduction

17. Rawls on Global Economic Justice: A Critical Examination - Rekha Nath  [Abstract]

18. Rawls's Reasoning about International Economic Justice: A Defense - Gillian Brock  [Abstract]

Part X: International Justice and Toleration

Introduction

19. Right-Wing Populism and Non-Coercive Injustice: On the Limits of the Law of Peoples - Michael Blake  [Abstract]

20. Tolerating Decent Societies: A Defense of the Law of Peoples - Jon Mandle  [Abstract]

Thursday, August 06, 2020

Amartya Sen - "Economics with a Moral Compass?"

An excellent interview with Amartya Sen on bringing ethical issues into economics (& Adam Smith, Karl Marx, Piero Sraffa, Joan Robinson et al.): 

(Published in "Annual Review of Economic", August 2020)

The interview is conduced by Angus Deaton.


A video of the interview is available here.



Sunday, June 28, 2020

Habermas on the babbling human species

New essay by Jürgen Habermas:

"Warum nicht lesen?“, in Katharina Raabe & Frank Wegner (ed.), Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe (Berlin: Suhrkamp Verlag, 2020), pp. 99-123.


Arno Widmann refers to the content of the new essay in an article in "Berliner Zeitung" (June 29, 2020): "Essay von Habermas: Es bleibt die Literatur".

(Also published in "Frankfurter Rundschau", June 29).  

Excerpts from Arno Widmann's article:

Der erste Satz lautet: „Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies“. Dann kommt kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich und es geht so weiter: „kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ [....]

Die digitale Revolution hat uns alle zu potenziellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. Durch sie erst sind die Medien wirklich nichts als Medien. Die Kontrollinstanzen von zum Beispiel Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. Habermas begrüßt ausdrücklich die so stattfindende „Inklusion“. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie. Nein, das Wort dialektisch verwendet Habermas nicht. Aber er beschreibt diesen zwiespältigen Vorgang sehr genau. Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“



Saturday, June 06, 2020

New papers on "Habermas - Justice and Public Sphere"

The Polish journal "Folia Philosophica, Ethica - Aesthetica - Practica" (no. 34, 2019) features four papers from an international conference on Jürgen Habermas in Lodz, Poland, in June 2019:

Habermas - Justice and Public Sphere [PDF]

Contents

* Anna  Michalska - "Does Philosophy Require De-Transcendentalization? Habermas,  Apel,  and  the  Role  of  Transcendentals  in  Philosophical Discourse and Social-Scientific Explanation" 

* Krzysztof  Kędziora - "Habermas  and  Rawls  on  an  Epistemic  Status  of the Principles of Justice"

* Maciej  Hułas - "The Normativity of Habermas’s Public Sphere from the Vantage Point of Its Evolution"

* Wang  Xingfu - "Critical Theory in Regressive Times: Liberalism, Global Populism and the “White Left” in the Twenty-First Century"


A fifth paper from the conference:

Gunnar Skirbekk - "Freedom of Expression. A Normative Justification of the Legal Protection of Freedom of Expression" [PDF]

See my blog post on the conference here.

Friday, May 22, 2020

Karl-Otto Apel on "Nichtmetaphysische Letztbegründung?" (audio)

Lecture by Karl-Otto Apel (1922-2017) on "Nichtmetaphysische Letztbegründung?" (Karl-Rahner-Akademie Köln, May 16, 1990)



See: Karl-Otto Apel - "Nichtmetaphysische Letztbegründung?", in Edmund Braun (ed.) - Die Zunkunft der Vernunft aus der Perspektive einer nicht metaphysischen Philosophie (Würzburg: Königshausen & Neumann, 1993), pp. 59-85.

English translation: "Can an Ultimate Foundation of Knowledge be Non-Metaphysical?", Journal of Speculative Philosophy, vol. 7 no. 3 (1993), pp. 171-190.

Wednesday, May 06, 2020

Protection of life or freedom? - Jürgen Habermas & Klaus Günther

In “Die Zeit” (May 7, 2020): 

A discussion between Jürgen Habermas and Klaus Günther on fundamental rights during the Corona crisis: Protection of life or freedom?

"Kein Grundrecht gilt grenzenlos"


Excerpt:

Klaus Günther:

"Die Notwendigkeit, Grundrechte abzuwägen, ergibt sich aus dem Umstand, dass es mehr als ein Grundrecht gibt und kein Grundrecht grenzenlos gilt. Sie können miteinander kollidieren. Daher dürfen auch die meisten Grundrechte (wie Leben und Freiheit) ausdrücklich durch Gesetze eingeschränkt werden, nicht nur, um vorhersehbare Kollisionen zu verhindern, sondern auch, um andere verfassungsrechtlich legitimierte Ziele zu erreichen.

Der eigentlichen Abwägung zwischen zwei oder mehreren Rechten wie Leben und Gesundheit gegen Freiheit vorgeschaltet ist aber die Überprüfung der Verhältnismäßigkeit des Eingriffs. Neben der verfassungsrechtlichen Legitimität des damit verfolgten Zwecks – hier Lebens- und Gesundheitsschutz – müssen seine Gebotenheit für die Erreichung dieses Zwecks und seine Erforderlichkeit angesichts von Alternativen überprüft werden, die weniger intensiv in das Grundrecht – zum Beispiel die Versammlungsfreiheit – eingreifen, ohne das Ziel des Infektionsschutzes zu gefährden.

Bei diesen drei Schritten hat der Staat – der Gesetzgeber, die Gesundheitsverwaltung – eine Einschätzungsprärogative. Der Kerngedanke des Verhältnismäßigkeitsprinzips ist, dass der Staat nicht willkürlich und nicht mehr als unbedingt nötig Grundrechte einschränken darf, um ihren jeweiligen Wesensgehalt zu wahren. Erst auf der vierten und letzten Stufe geht es dann um die ausschließlich rechtliche Abwägung, die freilich vorstrukturiert sein kann durch einen Vorrang des Rechts auf Leben oder den Würdeschutz. 

Die aktuelle Krise macht eine solche Verhältnismäßigkeitsprüfung zumindest auf der Ebene der allgemein geltenden Rechtsverordnungen jedoch aus mindestens zwei Gründen schwierig: Ohnehin geht es ja nicht um Lebensschutz im umfassenden Sinne, sondern um das sogenannte Flachhalten der Kurve und die Senkung der Reproduktionsrate unter eins. Damit soll sichergestellt werden, dass das Gesundheitssystem mit seinen vorhandenen Mitteln adäquat reagieren kann und nicht mit tragischen Entscheidungssituationen konfrontiert wird, was gewiss ein verfassungsrechtlich legitimes Ziel ist.

Die Antwort auf die Frage, ob die aktuellen Freiheitsbeschränkungen aber auch geeignet und erforderlich sind, dieses Ziel zu erreichen, ist angesichts der Vielzahl zu berücksichtigender Faktoren von erheblichen Prognoseunsicherheiten belastet und kann sich nicht oder nur zum Teil auf Erfahrungs- und Vergleichswissen stützen.

Damit bin ich beim zweiten Grund für die Schwierigkeiten mit dem Verhältnismäßigkeitsprinzip: Das Recht auf Leben in Artikel 2 Absatz 2 GG war ursprünglich vor allem ein Abwehrrecht gegen einen Staat, der häufig mit Zwang und Gewalt willkürlich in das Leben seiner Untertanen eingegriffen hat. Infolge von Krankheiten sterben zu müssen gehörte in früheren Zeiten dagegen zum allgemeinen Lebensrisiko, das sich nur selten vermeiden oder reduzieren ließ. Erst seitdem wir über ein hochkomplexes und aufwendiges medizinisches Versorgungssystem verfügen, stellt sich überhaupt die Frage, was und wie viel Staat und Gesellschaft tun können und müssen, um vorhersehbar lebensgefährliche Krankheitsverläufe zu verhindern oder abzumildern.

Innerhalb des Rechts auf Leben tritt damit eine zweite Bedeutungskomponente hervor – die Verpflichtung des Staates, Leben und Gesundheit zu schützen, und zwar nicht nur, wie schon immer, vor rechtswidrigen Angriffen Dritter, sondern auch durch die Bereitstellung adäquater medizinischer Versorgung. Das steht jedoch unter dem Vorbehalt des Möglichen; keine Gesellschaft kann alle ihre Ressourcen in das Gesundheitssystem stecken. Je nachdem aber, wie gut eine Gesellschaft ihr Gesundheitssystem ausstattet und funktionsfähig hält, verschiebt sie die Grenze zwischen unvermeidbaren und vermeidbaren tödlichen Folgen der "allgemeinen Lebensrisiken". Hier scheint mir der Kern des Abwägungsstreits zu liegen: Es herrscht Uneinigkeit darüber, wo die Grenze zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen angesichts des hohen und in seinen Folgen nicht absehbaren Aufwands an Freiheitsverzichten gezogen werden soll – zwischen Minimum und Maximum.

(....) In der Tat suggeriert die Praxis des Abwägens mit der Verhältnismäßigkeits-kontrolle, dass sich mit Ausnahme der in Artikel 1 GG genannten Menschenwürde alle Grundrechte wechselseitig relativeren ließen und dass mal diesem, mal jenem mehr Gewicht als den jeweils anderen eingeräumt werden dürfe. Die Abwägungs-rhetorik enthebt den Rechtsanwender der Mühe, das zu tun, was Dworkin von einer guten Richterin fordert: jedes Recht als Teil einer umfassenden politisch-moralischen Theorie der gesamten Verfassungsordnung zu deuten. Dass es keine Rangordnung unter den Grundrechten gebe, ist insofern zutreffend, als kaum ein konkreter Kollisionsfall ohne Einschränkungen des einen Rechts zugunsten des anderen und umgekehrt lösbar ist. Deshalb auch der Gesetzesvorbehalt, der Einschränkungen unter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsprinzips erlaubt und gemäß Artikel 1 Absatz 2 Satz 3 GG ausdrücklich auch für das Grundrecht auf Leben gilt."


Saturday, April 25, 2020

A lecture by Habermas on practical reason, 1988 (audio)

An audio recording of Jürgen Habermas's lecture on "The Concept of Practical Reason - Pragmatic, Ethical, & Moral Uses" (The University of California, Berkeley, September 1988) [one hour]:


[Uploaded on YouTube by "Philosophy Overdose", April 24, 2020]

A revised version of the lecture has been published under the title "On the Pragmatic, the Ethical, and the Moral Employment of Practical Reason", in Jürgen Habermas's book "Justification and Application. Remarks on Discourse Ethics" (MIT Press, 1993), pp. 1-17.

A German version is available in his "Erläuterundem zur Diskursethik" (Suhrkamp Verlag, 1991), pp. 100-118. Reprinted in Jürgen Habermas's "Philosophische Texte. Band 3: Diskursethik (Suhrkamp Verlag, 2009), pp. 360-381.

Friday, April 10, 2020

Interview with Habermas in "Le Monde"

An interview with Jürgen Habermas in "Le Monde" (April 11, 2020) on the Corona crisis and the need for European initiatives:

"Il nous faut agir dans le savoir explicite de notre non-savoir" [paywall]


Excerpts:

Q [Nicolas Truong]: Comment vivezvous le confinement ?

A: Les heures sur l’ordinateur à travailler sur les sciences historiques de l’esprit sont encore celles qui souffrent le moins.

Q: Cette crise sanitaire mondiale risque d’affermir les forces du national-populisme, qui menacent déjà l’Europe, comment leur résister ?

A: Cette question se pose indépendamment de l’actuelle situation d’exception – mais elle doit se voir apporter une réponse différente dans chaque pays. En Allemagne, le passé nationalsocialiste nous a, pour l’instant, solidement prémunis contre toute manifestation explicite de l’idéologie d’extrême droite. Cela dit, les partis politiques et les autorités se sont permis d’être longtemps aveugles de l’oeil droit, sous le couvert de l’anticommunisme dominant. En France, l’extrémisme de droite organisé est déjà depuis longtemps une force politique, mais il a d’autres racines idéologiques que chez nous: il se montre plus étatiste qu’ethnonationaliste. Aujourd’hui, une gauche française à la sensibilité fondamentalement universaliste s’abîme également dans sa haine de l’Union européenne. Contrairement à quelqu’un comme Thomas Piketty, par exemple, elle a à l’évidence cessé de penser de façon conséquente son anticapitalisme – comme si le capitalisme global pouvait encore être combattu ou même apprivoisé à partir de cette très frêle et instable embarcation qu’est l’Etat national!

Q: Quel récit peuton forger pour donner un nouveau souffle à une Union européenne malaimée et désunie ?

A: Les arguments et les termes choisis ne sont pas d’un grand secours contre le ressentiment. Seul un noyau dur européen capable d’agir et d’apporter des solutions concrètes aux problèmes actuels pourrait ici se révéler précieux. Ce n’est que sur cette scène qu’il vaut la peine de combattre pour l’abolition du néolibéralisme.

Q: Comment expliquezvous que le national-populisme se soit à tel point propagé dans le monde intellectuel et l’espace public européen ?

A: Le populisme de droite "intellectuel" a peutêtre des prétentions intellectuelles, mais ce ne sont que des prétentions. C’est là, tout simplement, une pensée faible. En revanche, le populisme de droite "ordinaire", qui s’étend bien audelà des couches paupérisées et marginalisées de la population, est une réalité à prendre au sérieux. Dans les souscultures fragiles, de nombreux facteurs mobilisateurs, et donc inquiétants, viennent affecter les expériences du monde vécu: le changement technologique, la numérisation en cours du monde du travail, le phénomène migratoire, le pluralisme toujours plus grand des formes de vie, etc. Ces angoisses s’associent, d’un côté, à la crainte parfaitement réaliste de perdre son statut social et, d’un autre, à l’expérience de l’impuissance politique. Mais les affects du populisme de droite, qui, partout dans l’Union européenne, appellent à se réfugier derrière les barricades nationales, sont avant tout faits de deux choses: de la colère suscitée par le fait que l’Etat national a perdu sa capacité d’action politique et d’une sorte de réaction de défense intuitive face au véritable défi politique. 

Ce que l’on se refuse absolument à faire, c’est de s’avouer que seule l’autoaffirmation démocratique d’une Europe unie, que seul ce couragelà est à même de nous faire sortir de cette impasse postdémocratique.