Thursday, November 14, 2019

Hans Joas reviews Habermas' new book

Professor Hans Joas (Berlin/Chicago) reviews Habermas's new book in "Süddeutsche Zeitung" (November 14, 2019):

"Was weiß, wer glaubt? Im neuen Buch von Jürgen Habermas fragt die Vernunft nach dem Erbe der Religion"

Excerpts

"Niemand wird von dem meinungsstarken und streitfreudigen Habermas einen neutralen Überblick über geistesgeschichtliche Entwicklungen erwartet haben. Sein Buch folgt denn auch einem klaren Leitfaden, nämlich der Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen, die schon in der aufsehenerregenden Friedenspreisrede von 2001 deutlich angeklugen war. Nach dieser Rede kam das Gerücht auf, Habermas bereite nun ein umfangsreiches Werk über Religion und Religions-geschichte vor. Davon kann beim nun vorliegenden Werk nicht wirklich die Rede sein, weil es Habermas nicht eigentlich um den Glauben oder die Religion geht, sondern um die - angebliche oder wirkliche - schrittweise Verselbständigung der Philosophie gegenüber religiösen und metaphysischen Voraussetzungen. Diese Selbständigkeit der Philosophie und des rationalen Argumentatierens überhaupt ist es, was den Glutkern von Habermas' Motivation ausmacht, seinen "heiligen Gedanken", der auch seinen Blick auf die Geschichte der Philosophie und der Religion lenkt un leitet." (....) 

"In Habermas' Geschichtserzählung finden sich sehr schöne Passagen zum Glaubensverständnis, etwa in den Abschnitten zu Augustinus und zu Pascal. Aber in den meisten Teilen dominiert die Frage nach "autonomen" Rationalität." (.....) "Charakteristisch für das große vorliegende Werk ist, dass hier - anders als bei anderen maßgeblichen Philosophen unserer Zeit wie Charles Taylor und Paul Ricœur - nicht ein Denker mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen in eigenen Denken ringt."(.....)

"Karl Rahners berühmtes Wort, der Christ der Zukunft sei ein Mystiker, drück eine Einsicht aus, die nicht auf das Christentum beschränkt ist. Nicht metaphysische Welbilder ziehen die Menschen in den Bann von Religionen und nicht, wie Habermas meint, die sozialintegrativen Wirkungen der Rituale, sondern intensive außeralltägliche Erfahrungen, allein oder mit anderen, welche der Artikulation bedürfen und der Ermöglichung durh die Klugheit von Traditionen."

"Dieses Opus magnum von Habermas lässt sich, was sich schon in seinen Stellungsnahmen der letzten Jahre andeutete, als großartiges Plädoyer an die Adresse einer säkularen ôffentlichkeit lesen, die Gläubigen nicht aus ihrem Gespräch auszugrenzen. Man könnte es in diesem Sinne als Manifest eines "Anti-Säkularismus" lesen. Aber für Gläubige schafft es eine unbehagliche Lage. Hier bietet einer der größten Denken unserer Zeit Dialog und Freundschaft an - und macht es doch schwer, das Angebot anzunehmen, weil das Bild vom Glauben, das er zeichnet, sich vom Selbstbild der Gläubigen so stark unterscheidet."

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