Thursday, December 02, 2021

Interview with Habermas in "Philosophie Magazine"

Interview with Jürgen Habermas in the French "Philosophie Magazine" (no. 155, December 2021):

"La philosophie cesserait d’être elle-même si elle perdait des yeux ‘le tout’"

(Paywall)



Sunday, November 28, 2021

Interview with Habermas in L'Obs

A new interview with Jürgen Habermas in the French magazine "L'Obs" (November 25, 2021):

"Nous vivons une époque de régression politique"

 (Behind a paywall)


Sunday, November 21, 2021

Richard Rorty's lectures on "Pragmatism as Anti-Authoritarianism"

Robert Brandom has uploaded videos of Richard Rorty's ten lectures "Pragmatism as Anti-Authoritarianism", delivered at the University of Girona, Spain, in 1996. The lectures have been published in a book earlier this year (edited by Eduardo Mendieta and with a foreword by Robert Brandom). [A preview here]

"Pragmatism as Anti-Authoritarianism" PART 1


Eight lectures:

1. Is knowledge the most distinctively human capacity (0:02:18)

2. Pragmatism as romantic utilitarianism (1:41:24)

3. Is the topic of truth relevant to democratic politics? (2:36:59)

4. Is reason unified by universalistic presuppositions? (3:34:59)

5. Introduction to McDowell's book (4:23:19)

6. Wilfrid Sellars and Donald Davidson (5:16:24)

7. Pan-relationalism, a vision of a world without substances, part I (7:12:35)

8. Pan-relationalism, a vision of a world without substances, part I (8:13:30)


"Pragmatism as Anti-Authoritarianism" PART 2.


Two lectures:

9. The distinction between morality and prudence (0:00.02)

10. Justice as a larger loyality (1:53:00)


Saturday, November 13, 2021

On the relationship between morality and ethical life

Jürgen Habermas' lecture at Goethe University Frankfurt on June 19, 2019, is now available in an English translation:

"Once again: On the relationship between morality and ethical life[Open access]

(European Journal of Philosophy, vol. 29, no. 3 (2021), pp. 543-551).


You can read the original German version here:

Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" (PDF). 

It has been published in Deutsche Zeitschrift für Philosophie vol. 67, no. 5 (2019), and in Rainer Forst & Klaus Günther (eds.), Normative Ordnungen (Berlin: Suhrkamp, 2021).


Friday, November 12, 2021

Updated Habermas bibliographies

 I have updated my Habermas bibliographies at HabermasForum.dk:

* Bibliography of works by Jürgen Habermas 1951-2021

Habermas bibliography II: Articles, lectures, interviews, and books 1992-2021

* Articles and Books on Jürgen Habermas 1961-1981

* Articles and Books on Jürgen Habermas 1982-1991

* Articles and Books on Jürgen Habermas 1992-2000

* Articles and Books on Jürgen Habermas 2001-2009

* Articles and Books on Jürgen Habermas 2010-2021

I have published these lists of primary and secondary literature in various forms since 2001.

Note: If you wonder why my bibliographies have some similarity to the lists published by Luca Corchia, the reason is simple: A substantial part of his lists consists of texts which are copy-pasted from my work. This kind of plagiarism was already evident in the bibliography he published in “Il Trimestrale. The Lab's Quarterly” 1/2008 (University of Pisa): 21 pages – pp. 234-254 – are mostly a copy of my Habermas bibliography at HabermasForum.dk with added references to Italian translations. You can compare these pages by Corchia with my text (I have marked all the entries which are reproduced in Corchia’s bibliography) - and these pages with this. Even the web addresses of my links to the various online publications are copiedThe plagiarism has continued over the years, including his latest paper uploaded at academia.edu: “Studies on Jürgen Habermas 1961-2020”. In this paper most of the information about reprints and English/German translations is copied from my bibliographies, see this sample

Please note that in the publication from 2008 - and various papers - his references (Gregersen etc.) are not accurate: He only mentions names and years, but fails to include any further details. For instance there are no references to the actual publications or web addresses. 

Thursday, October 28, 2021

Why Rawls?

The German webblog "Soziopolis" has asked 11 German philosophers and political scientists the question: "Why Rawls?"

See the answers here: Jürgen Habermas, Beate Roessler, Hubertus Buchstein, Jeanette Ehrmann, Rainer Forst, Lisa Herzog, Otfried Höffe, Luise Müller, Peter Niesen, Walter Reese-Schäfer, and Gary Schaal.


Jürgen Habermas:

Q: Wie sah Ihre erste Begegnung mit Rawls’ Texten aus?

A: Diese erste Begegnung fand unter blamablen Umständen Anfang der 70er-Jahre statt. Ich erinnere nicht mehr das genaue Jahr, als mich Charles Taylor – wir kannten uns aus Montreal und Starnberg – zu einem Vortrag nach Oxford einlud. Am zweiten Tag sollte ich die beiden Heroen der Profession R. M. Hare und P. F. Strawson bei einem Lunch kennen lernen. Das war schon aufregend genug. Aber in Aufruhr geriert ich erst recht, als ich am Vorabend beiläufig erfuhr, dass ich bei dieser Gelegenheit – offenbar war ein Arbeits-Lunch vorgesehen – mit dem soeben nach Oxford berufenen Ronald Dworkin über einen bestimmten Aufsatz diskutieren sollte, und zwar über „Two Concepts of Rules“ von John Rawls. Peinlicherweise kannte ich diesen „allgemein bekannten“ Aufsatz nicht. Den besorgte mir ein freundlicher Kollege noch über Nacht. Bis heute kann ich mich an Einzelheiten dieser ungewöhnlichen Situation – meiner ersten Begegnung sowohl mit einem Text von Rawls wie mit so vielen einschüchternden Geistesgrößen in persona – nicht erinnern. Dasselbe versicherte mit Dworkin, als wir uns später anfreundeten. Sollte alles doch eher unauffällig über die Bühne gegangen sein?

Persönlich habe ich Rawls erst in den 80er-Jahren kennen gelernt, als ich bei einem Besuch in Cambridge sein Seminar besuchte – ich war von der freundlichen Aufmerksamkeit dieser rücksichtsvollen, vollkommen uneitlen Person schon auf den ersten Blick beeindruckt. Ich kenne keinen Kollegen, der durch seine unbestechlich-unprätentiöse Haltung in ähnlicher Weise so unmittelbar ein Distanz wahrendes Vertrauen erweckt. Rawls schien mich zu kennen, weil unser Sohn Tilmann bei ihm studiert hatte. Vor der Veröffentlichung seines Buches Political Liberalism hat er mich dann zu der bekannten Auseinandersetzung im Journal of Philosophy eingeladen. Damals hat übrigens Rainer Forst, der gerade von seinem Studium bei Rawls zurückgekommen war, den clue der Revision, die Rawls inzwischen an der Theorie der Gerechtigkeit vorgenommenen hatte, besser verstanden als ich. Jener erste Gedankenaustausch gab jedenfalls den Auftakt zu einer bis zu Rawls’ Tod nicht abreißenden Reihe von freundschaftlich-lehrreichen Diskussionen, sowohl bei seinen Besuchen in Frankfurt wie auch in den USA. Im Hinblick auf den sachlichen Ertrag unserer Debatte hat James Gordon Finlayson vor zwei Jahren ein vorzügliches Buch publiziert.

Q: Welcher Teil, welche Idee, welcher Begriff, welche Beobachtung des Rawls’schen Werkes ist für Sie von besonderer Bedeutung?

A: Zu meinem Erstaunen stelle ich jetzt an den vielfältigen Anstreichungen und Anmerkungen in meinem Exemplar der deutschen Übersetzung fest, dass ich die Theorie der Gerechtigkeit erst 1975, wohl auf Anregung von Ernst Tugendhat, intensiv gelesen habe. Ich hatte damals den im Gespräch mit Karl-Otto Apel gemeinsam entwickelten Ansatz zu einer Diskursethik im Kopf und war natürlich begeistert, einer im Detail so sorgfältig durchgeführten, unverkennbar Kantianischen Position zu begegnen. Bei uns war ein Jahr zuvor der Sammelband von Manfred Riedel Zur Rehabilitierung der Praktischen Philosophie erschienen – ein unentschiedener Überblick über das breite Spektrum von Ansätzen, die sich in der Bundesrepublik mehr oder weniger im Anschluss an die verschiedenen Traditionen der Ethik entwickelt hatten. Demgegenüber markierte das Buch von Rawls nun eine Zäsur sowohl in methodischer wie in inhaltlicher Hinsicht.

Was das Methodische angeht, gab es – und gibt es bis heute – keine moraltheoretische Untersuchung, die sich in der systematischen Anlage und vor allem im Husserl’schen Pathos der „Durchführung“ mit der Klarheit, dem Reichtum und der Genauigkeit der detaillierten Analysen der Theorie der Gerechtigkeit messen kann. Und um einzuschätzen, was diese Theorie damals inhaltlich bedeutet hat, muss man sich die Situation in der tonangebenden angelsächsischen Philosophie in Erinnerung rufen: In der praktischen Philosophie herrschten dort die empiristischen Ansätze in der sprachanalytischen Nachfolge von Hobbes, Hume, Bentham und John Stuart Mill fast ohne Konkurrenz. Diese Vorherrschaft war mit dem Erscheinen jenes Buches wie auf einen Schlag beendet. An die Stelle von Zweckrationalität, Gefühl, Interesse und Entscheidung trat jetzt die Interessen verallgemeinernde praktische Vernunft. Was mich betrifft, habe ich diese Theorie von vornherein in dem konstruktivistischen Sinne gelesen, den John Rawls 1980 in seinen John Dewey Lectures an der Columbia University ausgeführt hat. Hingegen fand ich den Schritt zum Politischen Liberalismus nicht wirklich überzeugend; nach meiner Auffassung hat Rawls damit der praktischen Vernunft im Kantischen Sinne das letzte Wort zugunsten religiöser und anderer Weltbilder entzogen.

Q: Lohnt es sich aus Ihrer Sicht auch heute noch, Rawls’ Schriften zu lesen?

A: Ein solches Werk, das sich auf so viele einzelne Schritte in der Durchführung jedes tragenden Argumentes stützt, besitzt ein Gewicht, an dem die Philosophie fortan nicht einfach wird vorbeigehen können. Die historistischen Argumente, die heute auf breiter Front gegen Rawls’ Normativismus ins Feld geführt werden, nehmen, soweit ich das noch übersehe, die Auseinandersetzung nicht auf dem Niveau jener Rationalitätsdebatte auf, die während der 1980er-Jahre schon einmal zwischen Davidson, Putnam, Apel, Gadamer, Rorty, Foucault und Derrida geführt worden ist. ‚Ideale Theorien‘ im Sinne von Rawls haben es natürlich mit dem Problem der Rechtfertigung ihrer normativ gehaltvollen Grundbegriffe zu tun. Aber auch rekonstruktive Ansätze stoßen letztlich auf den nicht-hintergehbaren vernünftigen, und das heißt universalen Gehalt von intuitiv vorgenommenen Voraussetzungen, die die Beteiligten ‚immer schon‘ performativ in Anspruch nehmen. Wenn der Historiker dieses allein im Mitvollzug nachzukonstruierende Vollzugswissen aus der Beobachterperspektive erneut objektiviert, nimmt er eine ‚Perspektive von Nirgendwo‘ ein, die es auf dieser Reflexionsstufe nicht mehr geben kann.

Wednesday, October 27, 2021

Habermas at conference on "Auch eine Geschichte der Philosophie"

Jürgen Habermas took part in the conference "Vernünftige Freiheit und öffentliche Vernunft. Jürgen Habermas' Auch eine Geschichte der Philosophie im Diskurs", organized by "Evangelischen Akademie" in Tutzing (south of Starnberg), October 25-27, 2021.

See the reports in the German newspapers:

* Miguel de la Riva in "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (November 1): "Elektrisierende Lektüre im Zug nach Frankfurt

Excerpt:

Er habe nur ein "normales philosophisches Buch" schreiben wollen, sagt Jürgen habermas. Damit will er nicht mit falscher Bescheidenheit sein monumentales, mehr als 1700 Seiten dickes Alterswerk "Auch eine Geschichte der Philosophie" kleinreden. Vielmehr drückt er so seine Überraschung darüber aus, wie sehr sich die Rezeption der beiden vor zwei Jahren erschienenen Bände bislang um die Frage dreht, was von Religion und Metaphysik heute noch zu retten sei. (....)

Die "okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen" habe er im Buch nur deshalb zum zentralen Motiv erhoben, weil sich die "Frage, was sich die Philosophie noch zutrauen kann und soll", daran entscheide, wie sie sich zum "transformierten Erbe religiöser Herkunft" verhält, wie es im Vorwort heißt – einem Erbe, das in Gestalt von Kant und den deutschen Idealisten allerdings längst Philosophie geworden ist. Die Angewiesenheit der Philosophie auf die Religion, der Moderne auf den tradierten Ritus, die dem Buch zuweilen entnommen wurde, wollte Habermas eingeschränkt wissen: Der Abschied von der Metaphysik entlocke ihm keine Träne, gesellschaftliche Probleme müssten heute selbstverständlich "kraft allein praktischer Vernunft" gelöst werden."  

Jens-Christian Rabe in "Süddeutsche Zeitung" (October 28): Jürgen Habermas in Hochform

Excerpt:

Versammelt sind Freunde, Weggefährten und Komplizen, allesamt eher kritische Bewunderer als Kritiker. Andererseits sind Ton und Atmosphäre dadurch so locker, entspannt und warm, dass der Blick ganz frei ist auf das Wesentliche des riesigen philosophischen Werks von Jürgen Habermas, das sich mit "Auch eine Geschichte" auf bemerkenswerte Weise rundet.

Und so kommt es immer wieder zu Momenten wie dem nach dem Vortrag von Martin Seel. Habermas geht sichtlich ergriffen zur Antwort aufs Podium - und sagt in seinem typisch nachdenklichen und doch zugewandt-zupackenden Ton: "Seel stellt die Frage, die ich mir gar nicht gestellt habe: Warum eigentlich die Philosophie als Lernprozess beschreiben?" Und Seels Überlegungen hätten ihn nun auch zur Antwort geführt: Nur so könne er sie in ihrer Zeitlichkeit erfassen und erzählen, ohne ihren Wahrheitsanspruch aufgeben zu müssen. Das ist auch für einen nachmetaphysischen Philosophen, der die Kehre zur Anything-goes-Postmoderne und ihrer tiefen Wahrheitsskepsis nie mitmachte, keine Kleinigkeit. Denn die postmoderne Wahrheitsskepsis hat ihn spürbar nicht unbeeindruckt gelassen, er wäre andernfalls ja auch ein schlechter Nachmetaphysiker.

Es sind solche großen melancholischen Momente, die in Erinnerung bleiben. Die Auseinandersetzung mit dem religiösen Erbe der Philosophie hat Habermas, der natürlich bitte auf jeden Fall immer noch als strikt säkulärer Denker verstanden werden will, sensibler gemacht für den Umstand, der auf der Tagung auf den schönen Satz gebracht wird: "Argumente trösten nicht." Ein magischer Rest unserer Kommunikation wird von "argumentativen Formen" offenbar nicht eingeholt. Das muss selbst der strenge Rationalist Habermas in seinem Schlusswort zugeben, auch wenn er dem Phänomen sympathischerweise erkennbar staunend gegenübersteht, wenn auch nicht völlig verständnislos: Am Anfang, als ganz junger Student, da seien für ihn viel wichtiger als Philosophen oder Soziologen die Theologen gewesen: "Das waren die einzigen Professoren, die so reden konnten, dass man als Student berührt war."

Jörg Später in "taz": "Längst nicht am Ende(October 29).

Excerpt:

Die Laudatio auf Habermas’ Philosophiegeschichte hielt Jan Philipp Reemtsma, der bereits 2001 den Philosophen bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gewürdigt hatte. Damals hatte er die „Anschlussfähigkeit“ von Habermas’ Denken und Forschen hervorgehoben, nun bezeichnete er den „Roman abendländischen Denkens“ als „Eulenflug“. Die Eule der Minerva kommt von ihrem Flug zurück und berichtet, was sie gesehen hat: eine Erfolgsgeschichte, denn die Menschheit lernt!

Habermas hingegen war mit diesem Bild nicht einverstanden: Sein Buch sei nicht in Abschiedsstimmung verfasst worden, demnach nun eine bestimmte Philosophie an ihr Ende gekommen sei. Sondern als Ermutigung, dass Philosophie weiter dem praktischen Gebrauch von Vernunft und der Sozialintegration dienen könne. Der Befund von Lernprozessen bedeute auch keine teleologische und ungebrochene Fortschrittserzählung, denn sie habe weder Anfang noch Ziel, noch sei dieses Lernen gegen Einbrüche und Regressionen gefeit.


Friday, October 22, 2021

Review of the French translation of "Auch eine Geschichte der Philosophie"

In "Le Monde" (October 22, 2021), Nicolas Weill reviews the first volume of Jürgen Habermas' "Auch eine Geschichte der Philosophie", which has now been published in French:

"A la source de la foi et de la raison"

The first volume is titled: "Une histoire de la philosophie, tome I: La constellation occidentale de la foi et du savoir" (Gallimard; translated by Frédéric Joly).

Excerpts from the review:

"L’ œuvre du philosophe allemand Jürgen Habermas (né en 1929) a toujours été nourrie des débats de son temps. Aujourd’hui, c’est celui de la relation entre la foi et le savoir qu’il redéfinit dans toute sa complexité. En intellectuel résolument agnostique, il s’interroge, en effet, sur l’attitude à observer face aux "contenus de vérité", traductibles en termes rationnels, portés par les religions." (.....)

"L’auteur du Discours philosophique de la modernité (Gallimard, 1988) ne nie pas la réalité sociologique de la perte de croyance; il renvoie d’ailleurs l’irruption de l’intégrisme islamique, dans nos sociétés, non à un "retour du religieux" mais à une simple réaction à la modernisation. Mais cette réalité ne saurait suffire pour lui, comme pour le Marcel Gauchet du Désenchantement du monde (Gallimard, 1985), à établir le diagnostic d’une "sortie de la religion". Du reste, la discussion publique entre foi et savoir s’est imposée à Jürgen Habermas par la force des interrogations très contemporaines qu’ont suscitées, en Allemagne, les manipulations génétiques, associées aux souvenirs de l’eugénisme et de l’"effondrement moral" nazis." (.....)

"Le détour par une ample histoire se donne pour but de déceler et de mettre en évidence la source commune de la "mentalité religieuse" et de la rationalité occidentale. Jürgen Habermas estime pouvoir situer cette source dans l’"âge axial" (environ 800­-200 av. J.­C.), nom donné à l’irruption simultanée, et hors de tout échange d’influences connu, de doctrines en rupture avec la pensée mythique et magique propre aux sociétés premières. A cette époque, le divin est tiré hors du monde et s’installe dans une "transcendance" éminente. Au même moment, la constitution du canon biblique dans l’ancien judaïsme, le confucianisme, le bouddhisme, le zoroastrisme mais aussi l’éclosion de la philosophie dans la Grèce antique partagent ainsi les traits communs d’une révolution spirituelle mondiale."

"(.....) il lit l’évolution axiale comme un lent processus de "moralisation du sacré". Alors que l’éthique et la religion suivent des voies séparées dans les sociétés premières, l’époque axiale les réunit, faisant dépendre désormais la rédemption de la pratique de la justice, Dieu devenant, quant à lui, le législateur suprême." (.....).

"La généalogie proposée ici par le philosophe révèle donc non une simple coexistence, mais un lien de parenté, fondement d’une écoute voire d’une communication possible. Porté par une histoire dont l’immense lecteur qu’est Jürgen Habermas explore d’innombrables recoins théoriques, l’ouvrage laisse percer l’espoir qu’une pensée "postmétaphysique" soit capable de ménager aux croyants et aux incroyants l’espace public, où ils pourraient reprendre langue, dans une refonte de la modernité où il se refuse à ne voir que crise ou déclin. Voilà qui transforme aussi cette traversée en leçon d’optimisme."


Thursday, September 30, 2021

Interview with Habermas in "Philosophie Magazin"

A new interview with Jürgen Habermas in "Philosophie Magazin, Sonderheft 19: Kritische Theorie" on critical theory, the Corona crisis, the political shift to the right, identity politics and the future of Europe:

"Es gibt keine unbeweglichen Identitäten

Excerpts: 

"Das alte Problem, wie die kapitalistisch erzeugten Krisen und die wachsenden sozialen Ungleichheiten durch staatliche Regulierung aufgefangen werden können, ist nicht verschwunden; es hat sich sogar verschärft."

"Adorno war eine Person, die nicht nicht denken konnte. Er stand fast immer unter Strom. Das hatte fast etwas Schmerzhaftes. Umso entspannter waren gastfreundliche Abende in kleiner geselliger Runde, wenn sich der Hausherr sicher fühlen durfte."


Thursday, September 09, 2021

Habermas: The New Historians' Dispute

A short essay by Jürgen Habermas in the German "Philosophie Magazin" (6/2021, Oktober/November, pp. 10-11):

"Der neue Historikerstreit"


See also Jens-Christian Rabe's article on Habermas' essay in "Süddeutsche Zeitung" (September 10, 2021). 

Excerpt: "Seit einer guten Weile tobt eine Diskussion, die unter dem Namen Historikerstreit 2.0 firmiert. Das ist nicht ganz korrekt, aber auch nicht ganz falsch. Wie beim ersten Historikerstreit spielt die Frage nach der Vergleichbarkeit oder Unvergleichbarkeit des Holocaust eine zentrale Rolle. Diesmal allerdings unter etwas anderen Vorzeichen. Eher dem linken politischen Spektrum zuzuordnende Genozid-Forscher und Afrikawissenschaftler wie A. Dirk Moses, Michael Rothberg oder Jürgen Zimmerer kämpfen energisch für die These, dass die zentrale Rolle, die die Behauptung der Singularität des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur hat, einer angemessenen Beachtung der deutschen Kolonialverbrechen, etwa des Völkermords an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908, im Weg steht. Gegner dieser Überlegungen wittern Relativierung und linken Antisemitismus. Dass sich Jürgen Habermas, der wichtigste - linke - Protagonist des Historikerstreits 1.o in den Achtzigern und berühmteste lebende deutsche Philosoph, bislang dazu noch nicht zu Wort meldete, wurde zuletzt entsprechend oft bedauert. Nun ist es so weit. Anders als es viele Beobachter erhofft haben dürften, äußert sich der durchaus machtbewusste Habermas, der als öffentlicher Intellektueller auch scharf abkanzeln kann, nun allerdings - entgegen dem oft sehr polemischen Stil vieler Diskussionsteilnehmer der vergangenen Monate - sehr differenziert und genau, fast salomonisch. Man darf sich den 92-jährigen Philosophen als hellwachen, so kritischen wie emphatischen Beobachter der aktuellen Debatten um Identitätspolitik und Diskriminierung vorstellen."

Update:

See Dirk Moses's response in "Berliner Zeitung" (October 2, 2021): "Dialektik der Normalisierung".


Wednesday, September 01, 2021

Habermas on the Corona Crisis

New article by Jürgen Habermas:

"Corona und der Schutz des Lebens. Zur Grundrechtsdebatte in der pandemischen Ausnahmesituation", 

(Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/2021, pp. 65-78).

Excerpt:

"Im internationalen Vergleich zeichnet sich die Coronapolitik der deutschen Regierung(en) durch einen relativ strengen, wenn auch nicht konsequent durchgesetzten Kurs aus. Die von Angela Merkel verfolgte Politik der Bundesregierung konnte sich dabei auf den mehr oder weniger einhelligen Rat der wissenschaftlichen Experten sowie auf die Medienpräsenz einzelner hartnäckiger Fachpolitiker (wie Karl Lauterbach) und einflussreicher Ministerpräsidenten (wie Markus Söder) stützen. Von geringfügigen Schwankungen abgesehen, ist dieser Regierungskurs von einer klaren Bevölkerungsmehrheit unterstützt worden. Allerdings ließ sich die Bundeskanzlerin bei der Verfolgung dieser Linie aufgrund ihres pragmatisch-abwartenden Regierungsstils vom vielstimmigen Einspruch der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten ohne zwingenden Grund zwei Mal bremsen – bis sie schließlich angesichts der drastischen Folgen ihrer Führungsschwäche „die Notbremse“ gezogen hat. Wenn ich die öffentlich zugänglichen Informationen und Einschätzungen richtig deute, hätte eine strenger durchgehaltene Vorbeugung gegen den Ausbruch der zweiten und der dritten „Welle“ der Coronainfektionen sowohl weniger Tote als auch weniger lange anhaltende Kontaktbeschränkungen und damit geringere ökonomische Einbußen erfordert. Ob Regierung und Bevölkerung daraus für die Vermeidung einer vierten Welle gelernt haben, steht dahin.

Wie in anderen Ländern wurde die öffentliche Diskussion auch in der Bundesrepublik von den einschlägigen Themen beherrscht – von der jeweils drohenden Überlastung des Gesundheitssystems, von den vorbeugenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen, dem Nachschub an Hilfsmitteln wie Masken, Tests, vor allem von der Entwicklung, Zulassung, Verteilung, kurzum der Verfügbarkeit der Impfstoffe. Eine genuin politische Dimension erhielt die Debatte jedoch erst durch den Streit über die rechtliche Zulässigkeit von Strategien und Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Dabei wurden allerdings die kontroversen Hintergrundannahmen, von denen sich die Verteidiger und die Gegner von mehr oder weniger strikten Auflagen haben leiten lassen, nicht deutlich deklariert.

In diesem Zusammenhang kann ich auf ein neues und für die nächste Zukunft ernstlich beunruhigendes Phänomen an dieser Stelle nicht genauer eingehen – ich meine die politisch aggressive und verschwörungstheoretisch begründete Verleugnung der pandemiebedingten Infektions- und Sterberisiken. Wegen ihres rechtsradikalen Kerns sind die scheinliberal begründeten Proteste der Corona-Leugner gegen die vermeintlich konspirativen Maßnahmen einer angeblich autoritären Regierung nicht nur ein Symptom für verdrängte Ängste, sondern Anzeichen für das wachsende Potential eines ganz neuen, in libertären Formen auftretenden Extremismus der Mitte, der uns noch länger beschäftigen wird. In unserem Zusammenhang interessiert mich ein anderer Aspekt, unter dem sich politische Lager im Streit über die richtigen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung ausgebildet haben, nämlich die Frage, ob der demokratische Rechtsstaat Politiken verfolgen darf, mit denen er vermeidbare Infektionszahlen und damit auch vermeidbare Todesfälle in Kauf nimmt."

Update (13-10-2021):

See also Andreas Rosenfelder's extensive response in "Die Welt" (October 13, 2021): 

Die Habermas-Diktatur

Excerpts:

"Habermas entwirft in den "Blättern", einst das Leitmedium der 1968er-Bewegung, nicht weniger als den totalen Corona-Staat - ein rechtliches Monstrum, das in seiner Allgewalt, wenn man Habermas beim Wort nimmt, jedes No-Covid-Regime von China bis Australien in den Schatten stellt. Denn der Staat, den Habermas skizziert, darf das Ziel einer konsequenten Infektionsvermeidung nicht nur verfolgen. Nein: Er muss alles tun, um es zu erreichen." (.....)

"Die Zielbestimmung der deutschen Pandemiepolitik, "eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern", ist Habermas viel zu schwach und zu vage. Wenn der Lebensschutz die Regierung zum statistischen "Minimierungsziel" verpflichtet, was Habermas offenbar annimmt, also dazu, "die Zahl der an Corona Verstorbenen so niedrig wie möglich zu halten" - dann gibt es nach Meinung von Jürgen Habermas keinerlei "Spielraum" mehr." (.....)

"Die nun plötzlich behauptete "Pflicht" des Staates, "alle Strategien auszuschließen, bei denen er Gefahr läuft, die wahrscheinliche Gefährdung von Leben und körperlicher Unversehrtheit einer vorhersehbaren Anzahl unschuldiger Bürger in Kauf zu nehmen" und - wie es in einem geradezu grotesken Zusatz heißt - "also selber zu verursachen", führt ohne Umwege zur Idee eines Staates, der zur Kontrolle und Beschränkung sämtlicher Lebensbereiche verdammt ist: "Überwachen und Strafen", wie Habermas' leider viel zu früh verstorbener Kollege Michel Foucault das 1975 genannt hat." (.....)

"Denn wenn der Staat wirklich alles tun muss, was vermeidbare Infektionen verhindert, dann sind ausnahmslose Ausgangssperren, radikalste Kontaktverbote und die dauerhafte Schließung aller öffentlichen Institutionen von der Schule bis zum Schwimmbad nicht nur möglich, sondern geboten. Dann dürfte wirklich niemand mehr seine Wohnzelle verlassen, und Militärpolizisten in Schutzanzügen müssten Wasser und Brot in die Treppenhäuser stellen. Und da der Habermas-Staat zur Unterbindung sämtlicher Infektionen gezwungen ist, müsste er diese auch mit Zwang durchsetzen - im Zweifel also durch körperliche Gewalt, hohe Freiheitsstrafen oder den Entzug anderer Grundrechte."