The theologian Friedrich Wilhelm Graf (Munich) delivered the sermon at the funeral of Jürgen Habermas, at Söcking Cemetery in Starnberg, on March 20, 2026:
"Predigt am Sarge von Jürgen Habermas"
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, April 1, 2026)
Excerpts:
Der Tod bedeutet den endgültigen Abbruch aller Kommunikation. Wir können nicht mehr sagen, was wir Jürgen Habermas gern noch hätten mitteilen wollen. Der Tod macht uns ratlos und stumm. Er erzeugt elementare Sprachlosigkeit. Die einzige Sprache, in der wir die Endlichkeit unseres Lebens, unser aller Sterblichkeit, thematisieren können, ist die Bildersprache der Religion; das hat Jürgen Habermas oft betont. Selbst wer mit den jüdischen und christlichen Symbolen nicht mehr viel anzufangen weiß, selbst wer religiös unmusikalisch geworden ist, wer die Glaubenssprache nicht mehr spricht und versteht, ist angesichts des Todes eines nahen, geliebten Menschen doch auf die uralten Glaubensbilder angewiesen – jedenfalls dann, wenn er dem Tod nicht das letzte Wort lassen und in absolute Sprachlosigkeit versinken will. Um unsere tiefe Trauer, unseren Trennungsschmerz äußern, artikulieren zu können, beginnen wir unseren Abschied von Jürgen Habermas deshalb mit einer Erinnerung daran, was die Heilige Schrift über Leben und Tod von uns Menschenkindern in Psalm 103 der Hebräischen Bibel sagt. Aus dem 4. Kapitel des Evangeliums nach Johannes lese ich den 24. Vers: "Denn Gott ist Geist; deshalb müssen die, die ihn anbeten wollen, ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten." (...)
Als Jürgen Habermas mich im Januar bat, den Gottesdienst zu seiner Beerdigung zu halten, sagte ich ihm selbstverständlich zu; schon seiner Frau Ute hatte ich dies vor fünfzehn Jahren versprochen. Auf mein "Ja" reagierte er mit dem Satz: "Sie wissen ja, dass ich nicht wirklich gläubig bin." "Aber ein knallharter Atheist sind Sie auch nicht", lautete meine Antwort. Wir haben gelacht und nicht weiter über das Thema gesprochen. (...)
Religiöse Vorstellungen übersetzen Seit Mitte der Neunzigerjahre lässt sich bei Jürgen Habermas ein wachsendes Interesse am Thema Religion beobachten. Nach der Jahrhundertwende rücken religionsphilosophische Fragen zunehmend ins Zentrum seiner Theoriearbeit. Der Vordenker der Kritischen Theorie als Religionstheoretiker - das hat viele überrascht. Aber es zeigt: Der Verstorbene wollte religiösen Glauben als kulturelles Phänomen und Problem ernst nehmen. Es war ein theoretisches Interesse, das allerdings durch aktuelle Herausforderungen stimuliert wurde: Iranische Revolution, 9/11, neue christlich-fundamentalistische Christentümer in den Vereinigten Staaten. Die späte Hinwendung zur Religionsthematik bedeutete, anders als bei Max Horkheimer, keinerlei religiöse Konversion, etwa in dem Sinne, dass der alte Habermas nun fromm geworden wäre. Dagegen hat er sich zu Recht gewehrt.
Jürgen Habermas hat von der Religion sehr hoch gedacht, bisweilen gar zu hoch. Er sieht im Glauben eine Inspirationsquelle eigener Art. Religiöse Symbole seien zwar irrational und stünden in unaufhebbarer Spannung zum Wissen. Aber keineswegs seien sie in ihrer Irrationalität per se unvernünftig. Man dürfe nicht ausschließen, dass in Glaubensvorstellungen Vernunftgehalte inkarniert seien. (...)
Dass es viele religiöse Vorstellungen gibt, die zutiefst widervernünftig, also nicht übersetzbar, zu sein scheinen, ist Jürgen Habermas bewusst gewesen. Er bearbeitet dieses Problem in einer Reflexionsfigur, die sich als bewusstes Offenhalten beschreiben lässt: Viele überkommene religiöse Vorstellungsgehalte sind uns unverständlich geworden, leuchten uns nicht ein. Wir können ihnen keinerlei lebensdienliche Plausibilität mehr abgewinnen. Aber dennoch dürfen wir sie nicht vergessen, sondern sollen sie erinnernd präsent halten. Sein Argument: Man könne nicht ausschließen, dass andere, Spätere in ihnen einen vernünftigen Gehalt entdecken, einen Gehalt, der weitere Fortschritte von Humanität und Freiheit befördert. (...)
Diesen Wildwuchs an fiktionalen Bildern und Phantasmen begrifflich zu ordnen, bereitete den gelehrten Theologen erhebliche Schwierigkeiten. Nirgends wurde so viel gestritten wie im Themenfeld der Eschatologie. Aber die Theologen konnten zumindest relative Ordnung stiften: Dazu dienten ihnen insbesondere die bombastischen Totalitätsbegriffe der alteuropäischen, entscheidend von Aristoteles inspirierten Metaphysik, also Begriffe wie das Ganze, Gottes Vorsehung, Gottes Weltregierung, die Welt überhaupt und sofort. Daraus resultiert für uns Heutige ein Problem: Immer wieder und mit größter gedanklicher Konsequenz hat Jürgen Habermas darauf insistiert, dass uns seit der Kantischen Revolution der Denkungsart solche metaphysischen Ganzheitsbegriffe nicht mehr (oder nur um den Preis eines epistemologischen Selbstbetrugs) zur Verfügung stehen. Wir können also die alten Mythen der Endzeit nur mit nachmetaphysischen Denkmitteln zu übersetzen versuchen. Das ist nicht leicht, aber man muss es versuchen. (...)
Jürgen Habermas war ein Aufklärer mit starkem Interesse an Emanzipation und Förderung von Freiheit. Allerdings wusste er: Der Mensch ist nicht in der Weise frei, dass er sich sein Leben selbst gegeben hätte. Seine kindliche Behinderung hatte ihn dafür besonders sensibilisiert: Wir sind uns immer schon gegeben. Dieses passive Konstituiertsein, dieses Sich-gegeben-Sein des Menschen heißt in religiöser Sprache: Wir empfangen unser Leben aus Gottes Hand. Im Juni letzten Jahres hat Jürgen Habermas mehrere Tage lang in der Hebräischen Bibel gelesen. Er suchte nach einem Bibelvers für die Traueranzeige für seine Ute. Bei Jesaja wurde er fündig. "Und wird eine Hütte sein zum Schatten des Tages vor der Hitze, und eine Zuflucht und Verbergung vor dem Wetter und Regen." (Jesaja 4, 6) Wir geben das Leben von Jürgen Habermas nun zurück in Gottes Hand. Wir tun dies mit der dankbaren Gewissheit, dass Gott ihn in seine Hütte der "Zuflucht und Verbergung" geleiten wird.







