Wednesday, November 20, 2019

Review of Habermas's new book in "Le Monde"

In "Le Monde" (November 15, 2019) Nicolas Weill reviews Habermas's "Auch eine Geschichte der Philosophie":

Jürgen Habermas relit toute l’histoire de la philosophie

Excerpt:

"Non croyant, il demeure convaincu que la philosophie moderne doit suivre un cours "postmétaphysique" et non théologique, mais juge que les traditions religieuses peuvent rayonner au­delà du cercle de leurs adeptes.

La foi et le savoir 

Le premier volume étudie l’émergence de cet entrelacement. Habermas remet pour cela à l’honneur la théorie de l’"âge axial", déjà soutenue par le philosophe Karl Jaspers dans Origine et sens de l’histoire (Plon, 1954). Celle­ci veut que, dans une période comprise entre 800 et 200 av. J.­C., une révolution spirituelle se soit produite, simultanément et de façon autonome, dans diverses parties du monde: l’invention du monothéisme, du bouddhisme, de la philosophie présocratique, etc. Ce terreau commun, suivi par l’adoption du platonisme par le christianisme, noue les liens entre la croyance et la raison, lesquels ne commencent à se desserrer qu’à partir du XVIIe  siècle. 

Dans la seconde partie, Habermas s’attache aux "traces" laissées par le compagnonnage de la foi et du savoir dans la philosophie moderne, de Hume, Kant, Hegel et les "jeunes hégéliens" (Feuerbach, Marx, Kierkegaard, qui rejette l’exigence d’absolu) jusqu’aux problématiques les plus contemporaines. Plus qu’une histoire, Habermas met ici en place une "généalogie". Les concepts philosophiques sont replacés dans le contexte sociohistorique où ils apparaissent, mettant en évidence que le processus d’apprentissage de la matière se confond avec celui de la société elle­même. La généalogie ne se réduit pas ici à une dénonciation des illusions, mais devient un outil d’élucidation aux mains d’un philosophe, certes conscient de la faillibilité de son discours mais qui entend ainsi rendre leurs lettres de noblesse à deux notions malmenées, la raison et le progrès."

Thursday, November 14, 2019

Hans Joas reviews Habermas' new book

Professor Hans Joas (Berlin/Chicago) reviews Habermas's new book in "Süddeutsche Zeitung" (November 14, 2019):

"Was weiß, wer glaubt? Im neuen Buch von Jürgen Habermas fragt die Vernunft nach dem Erbe der Religion"

Excerpts

"Niemand wird von dem meinungsstarken und streitfreudigen Habermas einen neutralen Überblick über geistesgeschichtliche Entwicklungen erwartet haben. Sein Buch folgt denn auch einem klaren Leitfaden, nämlich der Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen, die schon in der aufsehenerregenden Friedenspreisrede von 2001 deutlich angeklugen war. Nach dieser Rede kam das Gerücht auf, Habermas bereite nun ein umfangsreiches Werk über Religion und Religions-geschichte vor. Davon kann beim nun vorliegenden Werk nicht wirklich die Rede sein, weil es Habermas nicht eigentlich um den Glauben oder die Religion geht, sondern um die - angebliche oder wirkliche - schrittweise Verselbständigung der Philosophie gegenüber religiösen und metaphysischen Voraussetzungen. Diese Selbständigkeit der Philosophie und des rationalen Argumentatierens überhaupt ist es, was den Glutkern von Habermas' Motivation ausmacht, seinen "heiligen Gedanken", der auch seinen Blick auf die Geschichte der Philosophie und der Religion lenkt un leitet." (....) 

"In Habermas' Geschichtserzählung finden sich sehr schöne Passagen zum Glaubensverständnis, etwa in den Abschnitten zu Augustinus und zu Pascal. Aber in den meisten Teilen dominiert die Frage nach "autonomen" Rationalität." (.....) "Charakteristisch für das große vorliegende Werk ist, dass hier - anders als bei anderen maßgeblichen Philosophen unserer Zeit wie Charles Taylor und Paul Ricœur - nicht ein Denker mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen in eigenen Denken ringt."(.....)

"Karl Rahners berühmtes Wort, der Christ der Zukunft sei ein Mystiker, drück eine Einsicht aus, die nicht auf das Christentum beschränkt ist. Nicht metaphysische Welbilder ziehen die Menschen in den Bann von Religionen und nicht, wie Habermas meint, die sozialintegrativen Wirkungen der Rituale, sondern intensive außeralltägliche Erfahrungen, allein oder mit anderen, welche der Artikulation bedürfen und der Ermöglichung durh die Klugheit von Traditionen."

"Dieses Opus magnum von Habermas lässt sich, was sich schon in seinen Stellungsnahmen der letzten Jahre andeutete, als großartiges Plädoyer an die Adresse einer säkularen ôffentlichkeit lesen, die Gläubigen nicht aus ihrem Gespräch auszugrenzen. Man könnte es in diesem Sinne als Manifest eines "Anti-Säkularismus" lesen. Aber für Gläubige schafft es eine unbehagliche Lage. Hier bietet einer der größten Denken unserer Zeit Dialog und Freundschaft an - und macht es doch schwer, das Angebot anzunehmen, weil das Bild vom Glauben, das er zeichnet, sich vom Selbstbild der Gläubigen so stark unterscheidet."

Interview with Habermas in Neue Zürcher Zeitung

Henning Klingen interviews Jürgen Habermas in Neue Zürcher Zeitung (November 14, 2019):

"Die Philosophie muss nicht zur Verbesserung unseres Wissens von der Welt beitragen – sie soll darauf reflektieren, was diese Wissensfortschritte für uns bedeuten"

[Update: The interview is reprinted under the title “Mehr als alles, was der Fall ist” in Internationale katholische Zeitschrift “Communio”, vol. 48, no. 6 (2019), pp. 654-658.]

Excerpts

"Mein Narrativ erinnert daran, dass die Philosophie einen rationalen Beitrag zur Klärung unseres Welt- und Selbstverständnisses leisten kann. Philosophie ist gewiss eine wissenschaftliche Denkungsart, die aber darüber aufzuklären versucht, wie wir uns heute als Menschen, als Personen und Individuen, auch als Zeitgenossen verstehen können. Dabei geht es, wohlgemerkt, um eine theoretische Orientierung, nicht um das Verhältnis von Philosophie und Öffentlichkeit. 
Es geht eher um eine Hintergrundkontroverse darüber, wie weit die menschliche Vernunft reicht. Erstreckt sich unser fallibles Wissen nur auf das, was der Fall ist? Wir können uns auch über moralische und rechtliche Konflikte, über Kunstwerke und ästhetische Erfahrungen, sogar über die in Lebensformen oder individuellen Lebensentwürfen verkörperten Wertorientierungen mit Gründen auseinandersetzen. Das Spektrum von Gründen, die ins Gewicht fallen, reicht offensichtlich über den Bereich empirischen und theoretischen Wissens hinaus. Wenn aber solche Argumente ebenso «zählen», ist darin die Überzeugungskraft einer praktischen Vernunft am Werk, die nicht in einer für praktische Zwecke bloss in Dienst genommenen theoretischen Vernunft aufgeht. Dann dürfen wir aber auch solche Lernprozesse erwarten, die sich nicht in einer Steigerung von Produktivkräften niederschlagen, die sich vielmehr in Institutionen der Freiheit und der Gerechtigkeit verkörpern. Historische Umstände fordern uns zu solchen oft schmerzlichen normativen Lernprozessen heraus. Dabei lernen wir, wenn alles gut geht, unterprivilegierte Andere in unsere Lebensformen einzubeziehen oder diskriminierte Fremde als gleichberechtigte Andere in einer gemeinsam erweiterten Lebensform anzuerkennen. (.....)
Im Hinblick auf die Frage «Was sollen wir tun?» plädiere ich dafür, der praktischen Vernunft mehr als nur kluge, an je eigenen Präferenzen, Werten oder Gefühlen orientierte Entscheidungen zuzutrauen. Wir können aus der Einsicht in die verletzbaren Strukturen unseres Zusammenlebens gute Gründe für die kantische Idee der Gerechtigkeit und für allgemein verbindliche normative Orientierungen des Handelns gewinnen."

Monday, November 11, 2019

Thomas M. Schmidt on Habermas's new book (audio)

Talk by Professor Thomas M. Schmidt (Goethe University, Frankfurt) on "Habermas und die Religion" (1 hour). Recorded September 26, 2019 in Cologne.



Saturday, November 09, 2019

Links to reviews of Habermas's "Auch eine Geschichte der Philosophie"

Reviews of Habermas's "Auch eine Geschichte der Philosophie":

(A) Journals

Friedrich Wilhelm Graf - "Aufklärung, alteuropäisch. Wie Jürgen Habermas der Religion begegnet(Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft XIII/4, 2019, pp. 109-125)

Matthias Lutz-Bachmann - "Wechselseitige Lernabhängigkeit von Glauben und Wissen[PDF] (UniReport 6/19,  Goethe-Universität Frankfurt am Main, p. 5)



(B) Newspapers


* Otfried Höffe (Neue Zürcher Zeitung, November 8, 2019) [my blog post]

* Petra Bahr (Die Zeit, November 7, 2019) [my blog post]

* Michael Hampe (Die Zeit, November 7, 2019) [my blog post]

* Jürgen Kaube (Frankfurter Allgemeine Zeitung, November 9, 2019)

* Patrick Bahners (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, November 10, 2019)

* Arno Widmann (Frankfurter Rundschau + Berliner Zeitung)

* Thomas Meyer (Badische Zeitung, November 13, 2019)

* Hans Joas (Süddeutsche Zeitung, November 14, 2019) [my blog post]

* Regina Kreide (Der Tagesspiegel, November 15, 2019)

* Friedrich Reinhardt (Frankfurter Neue Presse, November 15)

* Nicolas Weill (Le Monde, November 15, 2019)

* Jörg Später (Deutschlandfunk + Die Tagesszeitung TAZ, November 18, 2019)

* Henning Klingen (Die Furche)


(C) Podcasts, interviews 

Jochen Stöckmann (ARD, podcast)

Josef Früchtl (Deutschlandfunk Kultur, podcast)

* Henning Klingen (Deutschlandfunk, podcast)

Stephan Cartier (Bremen Zwei, podcast)

* Talk by Thomas M. Schmidt (audio, September 2019)

* Interview with Thomas M. Schmidt (Landhuter Zeitung, November 16, 2019)

* Interview with Stefan Müller-Doohm (NDR, November 21, 2019)

* Regina Kreide - "1.700 Seiten Habermas in fünf Thesen"



To be continued....


See also abstracts of some of the reviews at Perlentaucher.de

Petra Bahr on Habermas and religion

In "Die Zeit" (November 7, 2019) Petra Bahr reviews Habermas's "Auch eine Geschichte der Philosophie" (Suhrkamp Verlag):

Der Sinn hinter allem


Excerpts:

Das Alterswerk des Philosophen Jürgen Habermas ist eine Zumutung – und die grandiose Hymne eines religiös Unmusikalischen auf Glaube und Theologie.

"Nichts an theologischem Gehalt wird unverwandelt fortbestehen. Ein jeglicher wird der Probe sich stellen müssen, ins Säkulare, ins Profane einzuwandern." Nach 1.800 Seiten eine persönliche Bemerkung: Dieses Zitat von Theodor W. Adorno habe ihn immer gereizt und beschäftigt. Fast ein Bekenntnis. Es liest sich wie die Zusammenfassung des Unternehmens, das Jürgen Habermas nun veröffentlicht hat. Ergebnis eines zwanzigjährigen Exerzitiums, das Klosterstuben und Gelehrtenzimmer verbindet: der Weg zurück, der Versuch, die Vorgeschichte des nachmetaphysischen Zeitalters zu erzählen." (....)

"Habermas erzählt keine Verlustgeschichte und nicht ihr Gegenteil. Er erzählt das, was er in dem Aphorismus von Theodor W. Adorno verdichtet findet: die Geschichte der Theologie als eine Geschichte ihrer philosophischen Anverwandlung, in der die semantischen Potenziale, all das, was im christlichen Glauben und der Theologie zur Sprache kommt, von der Schöpfung bis zur Erlösung, immer über das hinausweist, was Philosophie sich anverwandeln kann. Die Entstehung der autonomen Vernunft, die keinen Gott als Begründung mehr braucht, die nachmetaphysische Beschreibung der Welt ist nur möglich, weil sie die abgestreiften religiösen Vorstellungen und Glaubenssätze immer im Rücken hat, wie einen Schatten.
Philosophie, so wie Habermas sie rekonstruiert, kann deshalb Religion weder ersetzen noch verdrängen. Religion ist das, was in der Philosophie fehlt, und nicht das, was endlich überwunden ist." (....)

"Roter Faden ist immer die Auseinandersetzung von Glaube und Wissen, von autonomer Moral und göttlichem Gebot, vom Wandel der Transzendenz in eine transzendentale Begründung des Menschen. "Auch eine Geschichte der Theologie" – dieser Titel wäre genauso passend gewesen. Was die abendländische, christliche, aber durch jüdische und muslimische Vordenker geprägte Theologie für einen eigenen Beitrag zum postmetaphysischen Zeitalter leistete, wie theologische Aufklärung systematische Unterscheidungsübung wurde, daran erinnert Habermas, gerade weil es ihm um die Entwicklungslinien der Philosophie geht." (....)

"Es ist nicht das Alterswerk eines Frommgewordenen, der, müde am vergeblichen Aufklärungspathos geworden, in die Geschichte flieht, in der Theologie und Philosophie noch befreundete Disziplinen, ja, ein Denkstil waren, eine Praxis des Nachdenkens über die Welt und den Menschen, die ohne Zwist auskam. Habermas schreibt im Modus einer Rückbesinnung, die an Fragen der Gegenwart interessiert ist: Was kann Philosophie heute noch?" (....)

"Der eigentliche Antrieb für die beiden ausschweifenden Bände ist nicht die Sorge um akademische Disziplinen, sondern die Sorge um den Menschen, um sein Selbstverständnis und seine Stellung in der Welt. Neurobiologie und Medizintechnologie, digitale Vermessung und all die technologisch oder weltanschaulich motivierten Vervollkommnungsmodelle des Menschen, seit Jüngstem auch ein Revival kollektivistischer Weltanschauungen, führen in den Augen des großen Gelehrten zu Veränderungen im menschlichen Selbstverständnis, das sowohl die Religion als auch die Philosophie herausfordern muss. Beide geraten in die Defensive, beide drohen als Formen des Nachdenkens und des praktischen Einübens eines Menschseins, das individuelle Freiheit und Begrenzung gleichermaßen in den Blick nehmen will, irrelevant zu werden." 

Friday, November 08, 2019

Otfried Höffe reviews Habermas's new book

In "Neue Zürcher Zeitung" (November 8, 2019), Professor Otfried Höffe reviews Jürgen Habermas's new book "Auch eine Geschichte der Philosophie" (Suhrkamp Verlag, 2019):

Jürgen Habermas erzählt die Geschichte der abendländischen Philosophie neu. Und zeigt, wie sich das westliche Denken vom Glauben löste


Excerpt:

"Nach einem Blick auf Peirce, der einen Pragmatismus mit der Verbindung von Wahrheits- und Handlungsbezug initiiere, springt die Genealogie in die Gegenwart. In ihr werde die Vernunft sowohl in der Forschung als auch in der Politik verkörpert. Kann also in diesen zwei, aber auch nur diesen zwei Dimensionen das von der Philosophie immer noch zu suchende Ganze präsent sein, zugleich mit der Ermutigung zu einer von autonomer Vernunft gestalteten Praxis?

Die Postmoderne hatte vollmundig das Ende der grossen Erzählungen verkündet. Mit seiner Auch-Philosophiegeschichte liefert Habermas ein schlagendes Gegenargument: Wenn auch nicht zwingend, so doch durchaus erhellend lässt sich die Geschichte der abendländischen Philosophie als ein Diskurs über Glauben und Wissen erzählen, der sich zunehmend auf eine vernünftige Freiheit hinbewegt.

Das Telos könnte allerdings problematisch sein. Nicht das Leitmotiv, die vernünftige Freiheit, wohl aber ein unausgesprochenes Element. Habermas erkennt zwar das religiöse Bewusstsein an, solange sich dieses in der liturgischen Praxis einer Gemeinde von Gläubigen verkörpere. Nach jüdischem, vielleicht noch deutlicher christlichem Verständnis geht es jedoch um entschieden mehr. Denn danach soll der Glaube, sollen beispielsweise die Gedanken der Gottebenbildlichkeit, der Menschwerdung der Gottheit und der göttlichen Gnade eigene, das säkulare Freiheitsverständnis teils erweiternde, teils korrigierende Freiheitschancen enthalten.

Ohne Zweifel ist einem Wissen, das letztlich von griechischer Rationalität geprägt wird, die Nichtpräsenz dieser Chancen hochwillkommen. Theologen hingegen, wenn sie denn ihr Metier noch ernst nehmen, müssten hier Einspruch erheben. Sie müssten dann allerdings zeigen, dass die menschliche Vernunft trotz Glaubensvorgaben als autonom und dass die Menschen trotz göttlichen Geboten als rundum frei zu verstehen seien."

Wednesday, November 06, 2019

The first review of Habermas's new book on the history of philosophy

In "Die Zeit" (November 7, 2019) Professor Michael Hampe (Zürich) reviews Jürgen Habermas's new book "Auch eine Geschichte der Philosophie" (Suhrkamp Verlag):

"Jenseits des Glaubens

Excerpts

"Jürgen Habermas ist ein gesellschaftstheoretisch orientierter Philosoph, kein Historiker. Und er hat Auch eine Geschichte der Philosophie geschrieben. Mit ihr schließt er einerseits sein Werk, so wie Kant, Hegel oder Heidegger vor ihm: durch eine Geschichte, die auf sein eigenes Denken zuläuft. Andererseits legt er so etwas wie eine sozialphilosophische "Theorie" von Ritus, Mythos, Religion und ihrem Schicksal im abendländischen Denken vor. Seine Erzählung beginnt nach einer langen Urgeschichte des Religiösen im ersten Band mit der vom Philosophen Karl Jaspers so genannten "Achsenzeit" (zwischen dem 8. und 2. Jahrhundert v. Chr.) und deren "Weltbildrevolution", lässt Buddha und Jesus nicht aus, handelt von Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin, Ockham und Machiavelli, um im zweiten zu Luther, Hume, Kant, Hegel, Feuerbach, Marx, Kierkegaard und Peirce überzugehen. Am Schluss erscheint (nach 1680 Seiten) die "diskursethische Erklärung der Vernunftmoral", mit der "der Gebrauch der praktischen Vernunft vom intelligiblen Ich auf eine intersubjektiv ausgeübte Selbstgesetzgebung in praktischen Diskursen umgestellt" wird, also die Philosophie von Habermas selbst." (.....)

Diese Fortschrittsgeschichte ist die "Vorgeschichte einer Paradigmenkonkurrenz" in der Gegenwart. Einer Gegenwart, die durch die Debatten bestimmt ist, in die der Autor Habermas selbst verstrickt war. Die eine Seite dieser Konkurrenz "setzt ihre Analysen bei den Vorstellungen der einzelnen Subjekte an", die andere Seite geht von "geteilten Regelsystemen" aus. Habermas steht auf der Seite der geteilten Regelsysteme. Sofern seine Philosophiegeschichte auf seine eigene Philosophie zuläuft, "entscheidet" er diesen Streit also für sich selbst, das Urteil der Nachwelt antizipierend. 
Obwohl es um Glauben und Wissen geht, handelt es sich um eine Geschichte der Philosophie. Philosophie ist für Habermas im Kantschen Sinne Konkurrenz in "wissenschaftlicher Denkungsart", vernünftiger Streit. Sie hat damit zu tun, dass man argumentativ "Stellungen" bezieht und sie gegen andere "verteidigt". (Das könnte man auch anders sehen, wenn man sie eher als Schriftstellerei begreift.) Die Gegenwart, in der er diese Paradigmenkonkurrenz situiert, ist eine moderne und deshalb "nachmetaphysische".
Habermas bleibt bei dem von ihm schon lange bevorzugten, mit dem Glauben verbundenen Metaphysikbegriff. Metaphysik sei "Glaube an eine restituierende oder rettende Gerechtigkeit" jenseits unserer Lebenswelt, hat also mehr mit Religion, Moral, Recht und der Legitimation staatlicher Herrschaft zu tun als mit dem Buch von Aristoteles, das dieser Disziplin einst ihren Namen gab. Nachmetaphysisch ist dagegen ein Denken, "das Gerechtigkeit auf die Kooperationsbereitschaft kommunikativ vergesellschafteter Subjekte bezieht". Wir leben in einer nach-metaphysischen Zeit, sofern wir in der Zeit von Habermas leben. (....) 
Habermas erkennt eine Metaphysik als "Gestalt des Geistes" in der Gegenwart nicht an, weil "das Denken" seiner Meinung nach "überzeugende Lernprozesse" durch-laufen hat, hinter die "es" nicht mehr zurückfallen könne. "Wir" können nach diesem "okzidentalen Lernprozess" nicht "nostalgisch" zurück zu Thomas von Aquin oder Heraklit. Metaphysiker der Gegenwart sind für ihn deshalb wie religiöse Traditionalisten Sitzenbleiber, die die Versetzung in die Gegenwartsklasse nicht geschafft haben oder nicht mitmachen wollen. (.....)

"Für solche praktische Wirksamkeit der europäischen Philosophie, für die Förderung eines aufgeklärten pluralistischen Lebens, ohne weltanschauliche Bevormundung, hat sich Jürgen Habermas als Freund des Pragmatismus und bekanntester lebender Vertreter der Kritischen Theorie ja immer eingesetzt. Nicht zuletzt, indem er die Rolle des Intellektuellen, der mutig politisch Stellung bezieht, wie wenige andere Philosophen in seinem langen Leben ausgefüllt hat und immer noch ausfüllt. Dafür wird er in Erinnerung bleiben, was immer aus der (diskursiven) Vernunft nun auch noch werden mag angesichts der Trumpeltiere dieser Erde und angesichts der großen historischen Perspektive einer zunehmend globalisierten Philosophie."


See my blog post on the new book by Habermas here.